''Länger gesünder leben – Wettbewerb für die Gesundheit'' Einladung vom BDI initiativ – Wirtschaft für Gesundheit im Hotel Adlon Berlin (07.07. 2011)
BDI initiativ Länger gesünder leben – Wettbewerb für die Gesundheit
anlässlich Einladung vom BDI initiativ – Wirtschaft für Gesundheit
7. Juli 2011, Hotel Adlon Berlin
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Sie wissen es alle – und der Titel der heutigen Veranstaltung greift diese Erkenntnis auf: Wir werden immer älter und werden voraussichtlich auch immer länger arbeiten.
Diese Entwicklung stellt die Gesundheitspolitik vor große Herausforderungen. Wie können wir in einer Gesellschaft des längeren Lebens die Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau und auf Dauer sichern? Diese Aufgabe stellt sich in Deutschland ebenso wie in vielen anderen Staaten weltweit.
Mehr Wohlstand, bessere Arbeitsbedingungen und vor allem auch der medizinische Fortschritt haben dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen. Die gewonnenen Jahre gehen aber leider nicht nur mit gesunden Lebensphasen einher. Ältere Menschen erkranken im Durchschnitt häufiger und schwerer als Jüngere. Schwerwiegende, chronische Erkrankungen und Multimorbidität nehmen zu.
Wir müssen Antworten entwickeln, wie die Versorgung möglichst passgenau auf diese Bedürfnisse ausgerichtet werden kann.
Mit zunehmendem Alter steigt zudem das Risiko der Pflegebedürftigkeit stark an. Deshalb wird der starke Anstieg der Zahl der älteren Menschen auch zu einer deutlichen Zunahme der Zahl der Pflegebedürftigen führen: Sind derzeit rd. 2,1 Mio. Menschen pflegebedürftig, werden es im Jahr 2030 bereits 3,1 Mio. und im Jahr 2040 rd. 3,4 Mio. sein.
Deshalb stellt die künftige Sicherstellung der pflegerischen Versorgung derzeit die drängendste sozialpolitische Herausforderung dar. Das Jahr 2011 soll daher ein Jahr der Pflege werden, in dem eine nachhaltige Reform der Pflegeversicherung angegangen wird. Ziel ist es, die Pflegeversicherung und die Rahmenbedingungen für die pflegerische Versorgung so weiterzuentwickeln, dass auch in Zukunft das Recht auf eine würdevolle Pflege und Betreuung eingelöst werden kann. Dabei stehen Fragen der Personalausstattung und Personalgewinnung, der pflegerischen Versorgung durch Angehörige und das Thema Entbürokratisierung auf der Tagesordnung. Ferner spielt die Versorgung demenzkranker Menschen und die künftige Ausrichtung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs eine wichtige Rolle.
Das Bundesministerium für Gesundheit hat seit Ende letzten Jahres in den Pflegedialogen intensive Gespräche mit Vertretern aller Verbände und Interessengruppen, um die für die Pflegereform erforderlichen Schritte und Maßnahmen näher zu erörtern.
Angesichts der demografischen Entwicklung ist es insbesondere notwendig, die langfristige Finanzierung der Pflegeversicherung durch den Aufbau einer ergänzenden Kapitaldeckung generationsgerechter sicherzustellen. Der Koalitionsvertrag gibt hierzu klare Vorgaben.
Meine Damen und Herren, die christlich liberale Bundesregierung hat bereits mehrere wesentliche Reformen umgesetzt, mit denen die Finanzierung des Gesundheitssystem – und damit die Bereitstellung der medizinischen Leistungen für alle Bürgerinnen und Bürger –dauerhaft sicher gestellt wird.
Mit dem Gesetz zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung ist am 1. Januar 2011 vor allem ein umfassendes Maßnahmepaket zur zukunftsorientierten Weiterentwicklung der GKV-Finanzierung in Kraft getreten. Mit diesem Gesetz erreichen wir eine Neuausrichtung der GKV, mit der sowohl kurzfristig als auch mittelfristig die Finanzierung des Systems ohne Qualitäts- und Leistungsverlust gesichert wird. Gleichzeitig haben wir damit ein Milliardendefizit in der GKV verhindert.
Außerdem haben wir durch das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes die Effizienz und Qualität der Arzneimittelversorgung gesteigert. Wir schaffen im Arzneimittelbereich eine Marktordnung, in der die Beteiligten flexibel agieren und gestalten können.
Es gibt nun eine neue Balance zwischen Innovation und Bezahlbarkeit von Medikamenten: Ein neues Medikament steht den Patienten auch künftig sofort zur Verfügung. Bei jedem neuen Arzneimittel muss aber frühzeitig belegt werden, dass es einen Fortschritt darstellt im Vergleich zu bereits vorhandenen Medikamenten. Der Zusatznutzen für Patientinnen und Patienten bestimmt künftig auch den Preis des Präparates.
Nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, geht die Bundesregierung den nächsten großen Schritt: Mit dem Versorgungsstrukturgesetz werden die Reformen des Gesundheitswesens nahtlos fortgeführt.
Wir stellen jetzt die Weichen dafür, dass die medizinische Versorgung mittel- und langfristig flächendeckend gesichert und gleichzeitig verbessert wird.
Wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass in allen Regionen Deutschlands – auch in den strukturschwachen – in Zukunft genügend Ärztinnen und Ärzte für eine wohnortnahe, bedarfsgerechte medizinische Versorgung zur Verfügung stehen.
Wir sorgen dafür, dass heute noch bestehende Lücken zwischen stationärer und ambulanter Versorgung geschlossen werden, indem wir einen neuen spezialärztlichen Versorgungsbereich einführen.
Wir verbessern die Voraussetzungen dafür, dass Innovationen möglichst rasch in die Versorgung einfließen, indem wir dem Gemeinsamen Bundesausschuss ein neues Instrument zur Erprobung nichtmedikamentöser Untersuchungs- und Behandlungsmethoden geben.
Wir eröffnen Krankenkassen neue Wettbewerbsspielräume, indem sie künftig ihre Satzungsleistungen – z.B. häusliche Krankenpflege und Haushaltshilfe oder Vorsorge- und Reha-Maßnahmen – ausweiten können.
Wir bauen weiter Bürokratie ab und schaffen auf allen Ebenen mehr Flexibilität, mehr Spielräume, mehr Steuerungsmöglichkeiten für diejenigen, die vor Ort die medizinische Versorgung gestalten.
Das sind in Kurzform wesentliche Elemente des geplanten Versorgungsstrukturgesetzes.
Die Anhörungen der Verbände haben gerade stattgefunden. Der Gesetzentwurf wird jetzt zügig ins Kabinett und in die parlamentarischen Beratungen gehen und soll im Wesentlichen zum 1. Januar 2012 in Kraft treten.
Länger gesünder leben – die heutige Veranstaltung bringt es auf den Punkt – das wünschen wir uns wohl alle.
Wenn wir gute Gesundheit und Lebensqualität möglichst lange erhalten wollen, müssen wir Prävention und Gesundheitsförderung verstärken. Nur wer bei guter Gesundheit älter wird, kann aktiv am Leben teilhaben und länger leistungsfähig bleiben. Prävention kann auch dabei helfen, künftige Belastungen der sozialen Sicherungssysteme zu verringern.
Ich bin deshalb sehr froh, dass wir im Koalitionsvertrag den Auftrag festgelegt haben, die primäre Prävention und Gesundheitsförderung weiterzuentwickeln und zielgerichtet zu gestalten. Das Bundesministerium für Gesundheit entwickelt derzeit eine Konzeption, um diesen Auftrag mit Leben zu erfüllen.
Mit dem demographischen Wandel wird der Erhalt der Gesundheit und der Beschäftigungsfähigkeit der Beschäftigten und damit die betriebliche Gesundheitsförderung immer wichtiger. Das ist der Grund, weshalb sie ein besonderer Schwerpunkt der Präventionsstrategie werden soll.
Insgesamt verfolgen wir mit der Präventionsstrategie das Ziel, ein Präventionssystem zu schaffen, mit dem alle Versicherten und Altersgruppen erreicht werden. Hierzu soll der gesetzliche Rahmen der Vorschriften zur Verhinderung oder frühzeitigen Entdeckung von Erkrankungen und der Stärkung der Gesundheit weiterentwickelt werden. Dabei werden wir der Selbstverwaltung den notwendigen Gestaltungsspielraum geben und ihre wettbewerblichen Möglichkeiten stärken.
Wirtschaft für Gesundheit heißt Ihre Initiative – deshalb möchte ich nun noch ein paar Sätze zur Gesundheitswirtschaft sagen.
Jahrzehnte lang wurde das Gesundheitswesen vor allem als Kostenfaktor, als "Klotz am Bein" der Wirtschaft wahrgenommen, der Wachstum und Beschäftigung hemmt. Es ist natürlich richtig, dass die Debatte um die Zukunftsfestigkeit unseres Gesundheitssystems immer wieder geführt werden muss – dies zeigen schon die zahlreichen Gesundheitsreformen der letzten Jahre.
Aber eine Verengung auf die Kostenbelastung ist einseitig und längst überholt. Eine solche Betrachtung verstellt den Blick auf die Chancen einer guten Gesundheitsversorgung und den enormen Stellenwert der Gesundheitswirtschaft in Deutschland.
Investitionen in die Gesundheit der Menschen sind ein wichtiger Beitrag zu Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand. Das deutsche Gesundheitswesen sichert eine hochwertige Versorgung für die Bürgerinnen und Bürger. Medizinische Innovationen werden im Vergleich zu vielen anderen Ländern hier besonders schnell Teil der Regelversorgung und sind damit für alle zugänglich, die sie benötigen. Diese innovationsfreundliche Versorgung ist nicht nur gut für die Lebensqualität der Menschen, die länger und gesünder leben. Sie ist auch gut für die Wirtschaft, denn sie trägt zur Produktivität bei und hilft, dass wir länger und bei besserer Gesundheit arbeiten können.
Die Gesundheitswirtschaft generiert selbst Wachstum und Innovationen: Fast 230.000 Betriebe, Einrichtungen und Unternehmen erwirtschaften über 10 Prozent des BIP in Deutschland. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich im Jahr 2008 auf rund 263 Mrd. €. Und der Gesundheitsmarkt hat zweifellos ein großes Zukunftspotenzial: Die Entwicklung von High-tech-Produkten in der Medizintechnik, von innovativen Arzneimitteln, von neuen Behandlungsmethoden und nicht zuletzt von neuen Versorgungsformen zeichnet ihn aus.
Unternehmen der deutschen Gesundheitswirtschaft nehmen Spitzenpositionen auf dem Weltmarkt ein. Ihre Produkte sind weltweit begehrt und geschätzt, weil sie die medizinische Versorgung verbessern und helfen können, langwierige Behandlungen abzukürzen und Kosten zu sparen.
Das Gesundheitswesen ist auch ein Jobmotor. Hier arbeiten allein in Deutschland derzeit 4,7 Millionen Menschen. Damit ist heute jeder neunte Erwerbstätige in dieser Branche beschäftigt. Zum Vergleich: In der KFZ-Branche arbeitet nur etwa jeder fünfzigste Erwerbstätige. Die Dynamik dieses Jobmotors zeigt sich in bemerkenswerten Beschäftigungszuwächsen: Allein zwischen den Jahren 1999 und 2009 hat die Zahl der Beschäftigten im deutschen Gesundheitswesen um über 600.000 zugenommen – Tendenz: weiter steigend. Damit hat sich das Gesundheitswesen gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und ungeachtet erfolgreicher Kosten-dämpfungs-maßnahmen als Beschäftigungsmotor erwiesen.
Damit wird klar: die Gesundheitswirtschaft bietet jetzt und gerade für die Zukunft vielfältige Chancen – Chancen für Wachstum und Beschäftigung, Chancen für Innovationen und medizinischen Fortschritt. All dies im Interesse einer besseren Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Daher begrüße ich die Initiative des BDI "Wirtschaft für Gesundheit" ausdrücklich. Nur mit gemeinsamen Anstrengungen von Politik und Wirtschaft können wir die künftigen Herausforderungen an unser Gesundheitssystem meistern – und hoffentlich alle länger gesünder leben.
