Ulrike Flach - Ihre Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Mülheim/Essen - Reden PSts

Grußwort beim Neujahrsempfang der Deutschen AIDS-Stiftung (25.01.2012)


Sehr geehrter Herr Schulte,
sehr geehrte Frau Bredehorst, liebe Kollegen
meine Damen und Herren,

 Es ist mir eine besondere Freude, heute hier zu Ihnen sprechen zu können und die besten Grüße auch des BGMin. DB zu überbringen.

Schließlich feiert die Deutsche AIDS-Stiftung in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. 25 Jahre die von der Hilfe für Menschen geprägt sind, die neben der Last ihrer Erkrankung sehr oft noch die Last existentieller Not am Rande der Gesellschaft zu tragen haben.

Deshalb möchte ich vorab all denen danken, die sich mit unermüdlichem Einsatz und großem Engagement ihren Aufgaben bei der Deutschen AIDS-Stiftung widmen.
Es spricht für Weitblick und Verantwortungsbewusstsein, dass die AIDS-Stiftung sich immer wieder an den sich wandelnden Erfordernissen ausrichtet und -wie auch heute- neue Herausforderungen thematisiert und gesellschaftliche Diskussionen auslöst. Auch dafür mein Dankeschön.
30 Jahre sind seit der Entdeckung des HI-Virus vergangen. Auch heute ist HIV/AIDS noch nicht heilbar. Internationale Forschungsanstrengungen und ein steter wissenschaftlicher Austausch haben jedoch dazu geführt, dass sich das klinische Management von HIV-infizierten Menschen seit der Entwicklung der Kombinationstherapie mit HIV-Medikamenten entscheidend verbessert hat. Dadurch ist es auch möglich geworden, sehr viel länger mit HIV zu leben.

Heute ist eine HIV-Infektion kein Todesurteil mehr. HIV ist behandelbar geworden.
Die Möglichkeit eines gesundheitlich stabileren Lebens mit HIV ist heute eine Perspektive, die Menschen mit HIV und ihren Angehörigen Mut macht und Hoffnung gibt. Menschen mit HIV haben heute eine gute Chance alt zu werden. Dies führt auch dazu, dass die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, kontinuierlich ansteigt. Es wird geschätzt, dass heute 73.000 Menschen mit dem Virus in Deutschland leben.

Trotzdem haben Menschen mit HIV einen überdurchschnittlichen Pflege- und Betreuungsbedarf in ihrem Leben.
Er kann frühzeitig auftreten, weil die HIV-Infektion selbst zu gesundheitlichen Problemen führt. Er kann später auftreten und mischt sich dann auch oft mit anderen, altersbedingten Gesundheitsproblemen.

Er kann zu einem Bedarf an Betreuung und an psychosozialer Begleitung führen.
Und er kann – je nach Gesundheitszustand – wechselnd ausgeprägt sein und zwischenzeitlich auch abnehmen. Dies birgt besondere Herausforderungen für die Pflege und Versorgung, die es mit vereinten Kräften anzugehen gilt. Dies hat auch die Diskussion im Rahmen des heutigen Fachtags geprägt.

Pflegebedürftige sollen unabhängig von ihrer Erkrankung die Leistungen erhalten, die ihnen ein Leben in Würde ermöglichen.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen hierfür wurden mit dem SGB XI gesetzt.
Sie stellen sicher, dass die Leistungen der Pflegeversicherung unabhängig von der Diagnose, entsprechend dem Grad der Pflegebedürftigkeit bereitgestellt werden.
Das Gesetz sieht daher für die pflegerische Versorgung von Menschen mit HIV oder AIDS keine Besonderheiten vor.
Selbstverständlich hat sich die Versorgung vor Ort an den Bedürfnissen der jeweils Betroffenen zu orientieren. Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen den Pflegebedürftigen helfen, trotz ihres Hilfebedarfs ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, das der Würde des Menschen entspricht.

Die Pflegebedürftigen können zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger wählen. Ihren Wünschen zur Gestaltung der Hilfe soll, soweit sie angemessen sind, im Rahmen des Leistungsrechts der Pflegeversicherung entsprochen werden.

Soweit zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Aber wie sieht es in der Praxis aus?

Diskriminierung, Stigmatisierung
Ein große Problem ist noch immer die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit HIV. Ob in häuslicher Umgebung, im Krankenhaus – oder eben auch in einer Pflegeeinrichtung oder im Seniorenheim. Vorurteile und irrationale Ängste - auch von medizinischem und pflegerischem Personal - führen immer wieder zu Problemen in der Versorgung.

Die neue „Welt-AIDS-Tag-Kampagne“, die die BZgA gemeinsam mit der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen AIDS-Stiftung ausgearbeitet hat, wendet sich erfolgreich gegen die Diskriminierung von Menschen, die mit HIV und AIDS leben.

Daneben müssen aber auch vor Ort, also unmittelbar beim Personal und den Mitbewohnern Ängste und Vorurteile abgebaut werden. Dazu gehört auch, die Akzeptanz unterschiedlicher  Lebenswelten als Normalität. Gerade HIV-positive Menschen stellen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, eines möglichen Suchtmittelkonsums oder ihrer Herkunft besondere Anforderungen an das Pflegepersonal.

Der Abbau von Ängsten und Vorurteilen bei Behandelnden, Pflegepersonal und gesellschaftlichem Umfeld sind ein erster Schritt zur Schaffung eines entspannten Klimas bei der Versorgung und Betreuung.

Egal wo sie im Alter oder bei Krankheit leben, Menschen mit HIV benötigen auch weiterhin eine gute medizinische Versorgung durch mit der Behandlung von HIV/AIDS vertrauten Ärzten und Pflegepersonal.

Dies muss auch bei Pflegebedürftigkeit gewährleistet werden. Das pflegende und versorgende Personal muss bezüglich HIV geschult sein, um einerseits irrationale Infektionsängste abzubauen und andererseits Symptome und Krankheitsanzeichen erkennen, einordnen und die dadurch notwendige Behandlung in die Wege leiten zu können.

Insgesamt gilt es eine Vernetzung zwischen medizinischen und pflegerischen HIV/AIDS Spezialisten und solchen aus Gerontologie, Geriatrie und Gerontospsychiatrie herzustellen, will man den Erfordernissen einer sachgerechten Pflege und Versorgung von Menschen mit HIV und AIDS entsprechen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor uns liegt ein weites Feld an Herausforderungen. HIV/AIDS ist hier nur ein Gradmesser für das allgemein drängende Problem der pflegerischen Versorgung in Deutschland.

In einer älter werdenden Gesellschaft die Weichen für eine sachgerechte, würdevolle und diskriminierungsfreie Versorgung und Pflege zu stellen, ist Verpflichtung und Chance zugleich.

Schon einmal - zu Beginn der HIV-Epidemie – wurden aufgrund der besonderen Pflegebedürfnisse von Menschen mit AIDS Pflegestandards entwickelt, die dann später auch für die allgemeine Pflege Anwendung fanden.

Wie wir die pflegerischen Herausforderungen für diese Gruppe lösen, könnte uns daher auch dieses Mal wichtige Impulse in allgemeinen Fragen geben, die unsere Gesellschaft insgesamt betreffen.

Lassen Sie uns daher im konstruktiven Miteinander ein Stück Zukunft gestalten.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünschen Ihnen allen einen angenehmen und anregenden Abend.

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